Altersvorsorge für Millennials: Warum du jetzt handeln musst
Wenn du zwischen 1985 und 2000 geboren wurdest, hast du ein Problem. Kein kleines, kein abstraktes – ein konkretes, messbares Problem, das mit jedem Jahr größer wird. Die gesetzliche Rente wird für deine Generation nicht reichen. Nicht vielleicht. Sicher. Die Deutsche Rentenversicherung selbst rechnet vor: Das Rentenniveau sinkt bis 2040 auf unter 42 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Bei einem Durchschnittsgehalt von 3.500 Euro netto bedeutet das eine Rente von unter 1.500 Euro – vor Steuern und Krankenversicherung.
Die Rentenlücke – der Unterschied zwischen deinem letzten Gehalt und deiner Rente – beträgt für die meisten Millennials zwischen 800 und 1.500 Euro monatlich. Um diese Lücke privat zu schließen, brauchst du bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 85 Jahren ein Vermögen von 250.000 bis 500.000 Euro. Klingt viel? Ist es. Aber es ist machbar – wenn du jetzt anfängst.
Warum Zeit dein wichtigstes Asset ist
Der Zinseszinseffekt ist die mächtigste Kraft in der Finanzwelt. Einstein soll ihn als achtes Weltwunder bezeichnet haben. Die Mathematik: 200 Euro monatlich, investiert mit 7 Prozent Rendite, ergeben nach 35 Jahren 340.000 Euro – bei einer Einzahlung von nur 84.000 Euro. Die restlichen 256.000 Euro sind Zinsen auf Zinsen. Beginnst du zehn Jahre später, mit 30 statt mit 20, brauchst du 400 Euro monatlich für das gleiche Ergebnis. Wartest du bis 40, sind es 870 Euro monatlich. Zeit ist Geld – wörtlich.
Die drei Säulen der Altersvorsorge
Säule eins: Die gesetzliche Rente. Sie wird nicht verschwinden, aber sie wird nicht reichen. Optimiere sie, indem du Lücken in deiner Erwerbsbiografie vermeidest und prüfst, ob freiwillige Nachzahlungen für Ausbildungszeiten sinnvoll sind.
Säule zwei: Die betriebliche Altersvorsorge (bAV). Wenn dein Arbeitgeber eine bAV anbietet und etwas dazuzahlt, nutze sie. Der Arbeitgeberzuschuss ist geschenktes Geld. Aber prüfe die Konditionen: Viele bAV-Produkte haben hohe Kosten und magere Renditen. Eine bAV mit garantiertem Zins von 0,25 Prozent ist in den meisten Fällen schlechter als ein eigener ETF-Sparplan – trotz Steuervorteilen.
Säule drei: Die private Vorsorge. Hier hast du die größte Kontrolle und die besten Rendite-Chancen. ETF-Sparpläne sind das Mittel der Wahl: niedrige Kosten, breite Diversifikation, historisch starke Renditen. Ergänzt um Immobilien, digitale Einkommensquellen und gegebenenfalls eine Rürup-Rente für Selbstständige.
ETF-Sparplan vs. Lebensversicherung vs. Riester
Die klassische Lebensversicherung, die deine Eltern abgeschlossen haben, ist für dich keine Option mehr. Die Garantiezinsen liegen nahe null, die Kosten fressen die Rendite. Riester-Rente? In der Theorie attraktiv durch Zulagen und Steuervorteile, in der Praxis oft enttäuschend wegen hoher Verwaltungskosten und unflexibler Auszahlungsregeln.
Ein simpler ETF-Sparplan auf den MSCI World oder FTSE All-World schlägt in den meisten Szenarien beide Alternativen. Die historische Rendite des MSCI World liegt bei durchschnittlich 10 Prozent pro Jahr (nominal) über die letzten 50 Jahre. Selbst nach Inflation und Steuern bleiben 5 bis 7 Prozent – deutlich mehr als jede Versicherungslösung bieten kann.
Die Rentenlücke berechnen: So geht’s
Schritt eins: Gehe auf rentenbescheid-check.de oder nutze die jährliche Renteninformation, die du per Post bekommst. Dort siehst du deine voraussichtliche Rente. Schritt zwei: Rechne deinen Bedarf im Alter. Faustformel: 80 Prozent deines heutigen Nettoeinkommens. Schritt drei: Die Differenz ist deine Rentenlücke. Schritt vier: Nutze einen Sparplanrechner, um zu berechnen, wie viel du monatlich investieren musst.
Beispiel: Voraussichtliche Rente: 1.400 Euro. Bedarf: 2.500 Euro. Rentenlücke: 1.100 Euro monatlich. Benötigtes Kapital (bei 4 Prozent Entnahme): 330.000 Euro. Monatliche Sparrate (bei 7 Prozent Rendite, 30 Jahre): etwa 290 Euro. Das ist eine Monatskarte, ein Streaming-Abo und drei Restaurant-Besuche. Es ist machbar. Aber nur, wenn du jetzt anfängst.
KI-gestützte Rentenplanung
Neue Tools machen die Rentenplanung einfacher denn je. Apps wie Rentenlücke.de, Clark oder Finanzguru berechnen deine Versorgungslücke automatisch. Robo-Advisors passen dein Portfolio altersgerecht an – mehr Aktien in jungen Jahren, mehr Anleihen näher an der Rente. Und ChatGPT kann komplexe Szenarien durchspielen: Was passiert, wenn ich mit 55 in Teilzeit gehe? Was, wenn die Inflation bei 3 statt 2 Prozent liegt? Was, wenn der Aktienmarkt in den nächsten 10 Jahren nur 5 statt 8 Prozent liefert?
Der Generationenvertrag braucht ein Update
Die Millennials stehen vor einer doppelten Belastung: Sie finanzieren über ihre Sozialabgaben die Renten der Babyboomer-Generation, während sie gleichzeitig privat für ihre eigene Rente vorsorgen müssen. Das ist politisch diskutabel, aber individuell nicht änderbar. Was du ändern kannst, ist dein Handeln. Starte heute einen ETF-Sparplan. Automatisiere deine Sparrate. Und vergiss nie: Der beste Zeitpunkt, mit der Altersvorsorge zu beginnen, war vor zehn Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.

