Zwei Wochen Bestandsaufnahme zeigen, welche Runden Geld kosten

Der Kalender einer wachsenden Firma füllt sich schneller mit Terminen, als irgendjemand bewusst entscheidet, dass es so sein soll. Ein Abgleich hier, eine Abstimmung dort, und nach einem Jahr sind aus zwei wöchentlichen Terminen zwölf geworden, ohne dass jemand diese Entwicklung gezielt gesteuert hätte.

Niemand hat diese Entwicklung böswillig herbeigeführt. Jeder einzelne Termin wirkte im Moment seiner Einführung sinnvoll. Erst in der Summe wird sichtbar, wie viel Arbeitszeit in Besprechungen fließt, die kaum noch jemand hinterfragt.

Dieser Text beschreibt ein Bestandsaufnahme-Verfahren über zwei Wochen, das Kosten je Termin sichtbar macht, eine Neuordnung nach Zweck, und die drei Formate, die sich in wachsenden Teams tatsächlich bewähren.

Das Verfahren in Kürze

  • Dauer: zwei volle Wochen, jeder Termin wird erfasst.
  • Erfasst wird: Dauer, Teilnehmerzahl, Zweck, tatsächliches Ergebnis.
  • Kostenrechnung: Dauer mal Teilnehmerzahl als grobe Vergleichsgröße.
  • Neuordnung: nach Zweck, nicht nach bisherigem Namen des Termins.
  • Drei Formate: kurzer täglicher Abgleich, wöchentliche Vertiefung, monatlicher Rückblick.
  • Streichung: jeder Termin ohne klaren, wiederholbaren Zweck.
  • Wiederholung: dieselbe Bestandsaufnahme alle sechs bis zwölf Monate.

Warum Meetings unbemerkt zur größten Kostenposition werden

Ein Termin mit acht Teilnehmenden über eine Stunde bindet acht Arbeitsstunden, nicht eine. Diese einfache Rechnung wird im Alltag selten gemacht, weil ein Termin im Kalender wie eine einzelne Stunde wirkt, nicht wie eine gebündelte Investition von Arbeitszeit.

In einem wachsenden Team addieren sich diese Stunden schnell zu einem erheblichen Teil der gesamten Arbeitszeit, ohne dass diese Summe irgendwo sichtbar würde. Anders als bei einer Rechnung für ein Werkzeug oder eine Dienstleistung gibt es für Meetingzeit keine automatische Übersicht.

Grundlagen zur Struktur solcher Termine beschreibt der Überblick zur Besprechung. Die dort beschriebenen Grundformen helfen, den eigenen Bestand später sauber einzuordnen.

Ein weiterer, seltener genannter Effekt betrifft die Zeit zwischen den Terminen. Ein Kalender mit vielen kurzen Lücken zwischen Besprechungen lässt sich kaum für konzentrierte Arbeit nutzen, selbst wenn die einzelnen Termine für sich genommen kurz erscheinen.

Die Bestandsaufnahme: zwei Wochen, jedes Meeting erfasst

Für zwei Wochen wird jeder Termin im gesamten Team erfasst, unabhängig davon, wie unwichtig er im Moment erscheint. Diese Vollständigkeit ist entscheidend, weil gerade die unauffälligen, kurzen, häufig wiederkehrenden Termine in der Summe am meisten Zeit binden.

Erfasst werden vier Angaben je Termin: die Dauer, die Zahl der Teilnehmenden, der genannte Zweck, und das tatsächliche Ergebnis am Ende. Diese vierte Angabe ist die aufschlussreichste, weil sie zeigt, ob ein Termin überhaupt etwas hervorbringt.

Zwei Wochen sind lang genug, um auch selten stattfindende Termine wie monatliche Runden mitzuerfassen, sofern sie in diesem Zeitraum fallen, und kurz genug, um die Erfassung nicht zur eigenen Belastung werden zu lassen.

Die Erfassung selbst sollte so einfach wie möglich gehalten werden, etwa in einer geteilten Tabelle mit einer Zeile je Termin. Ein aufwendiges Erfassungswerkzeug würde dem eigentlichen Ziel widersprechen, unnötigen Aufwand im Kalender zu reduzieren, nicht zu vermehren.

Meetingkultur Startup: die Bestandsaufnahme in zwei Wochen

  1. Liste erstellen. Alle wiederkehrenden und einmaligen Termine der zwei Wochen.
  2. Vier Angaben je Termin. Dauer, Teilnehmerzahl, Zweck, tatsächliches Ergebnis.
  3. Kosten berechnen. Dauer mal Teilnehmerzahl als grobe Vergleichsgröße je Termin.
  4. Nach Zweck ordnen. Information, Entscheidung, Abstimmung, Sonstiges.
  5. Neuordnung vorschlagen. Drei Grundformate statt der bisherigen gewachsenen Vielfalt.

Eine solche Meetingkultur Startup-Bestandsaufnahme liefert in der Regel bereits nach den ersten Tagen überraschende Erkenntnisse, meist über Termine, die niemand mehr aktiv infrage gestellt hatte.

Kosten je Termin sichtbar machen

Eine grobe, aber wirksame Rechnung multipliziert die Dauer eines Termins mit der Zahl der Teilnehmenden. Ein einstündiger Termin mit sechs Personen entspricht in dieser Rechnung sechs Arbeitsstunden, unabhängig vom tatsächlichen Gehalt der Beteiligten.

Diese vereinfachte Rechnung reicht für den Vergleich zwischen Terminen völlig aus. Sie muss keine exakten Gehaltsdaten verwenden, um ihren Zweck zu erfüllen: zu zeigen, welche Termine in Wirklichkeit die größten Zeitblöcke binden.

Wird diese Zahl neben den Termin geschrieben und für alle sichtbar gemacht, verändert sich häufig bereits die Wahrnehmung im Team. Ein Termin, der bisher als „kurzes Update“ galt, wirkt anders, wenn daneben eine Zahl wie zwölf gebundene Arbeitsstunden steht.

Diese Zahl lässt sich zusätzlich auf den Monat oder das Jahr hochrechnen, um langfristige Muster sichtbar zu machen. Ein Termin, der einzeln elf Stunden bindet, aber wöchentlich stattfindet, summiert sich über ein Jahr zu einer Größenordnung, die im Alltag kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Die drei Fragen an jeden bestehenden Termin

Die erste Frage lautet, ob der Termin zu einer Entscheidung führt, zu einer reinen Information, oder zu keinem der beiden. Termine ohne erkennbares Ergebnis sind die ersten Kandidaten für eine Streichung.

Die zweite Frage betrifft die Teilnehmerzahl im Verhältnis zum Zweck. Ein Termin zur Abstimmung zwischen zwei Personen, an dem acht teilnehmen, bindet sechs Personen, die zum eigentlichen Ergebnis nichts beitragen.

Die dritte Frage betrifft die Häufigkeit. Ein Thema, das sich wöchentlich kaum verändert, braucht keinen wöchentlichen Termin. Eine geringere Frequenz, kombiniert mit einer kurzen schriftlichen Zwischeninformation, deckt denselben Bedarf oft ebenso gut ab.

Beispielrechnung für einen Termin

Termin Dauer Teilnehmende Gebundene Stunden
Wöchentliches Statusmeeting 60 Minuten 8 8 Stunden
Tägliches kurzes Update 10 Minuten 6 1 Stunde
Monatlicher Rückblick 90 Minuten 10 15 Stunden

Auf den Monat gerechnet bindet allein das wöchentliche Statusmeeting deutlich mehr Zeit als der tägliche kurze Abgleich, obwohl Letzterer im Kalender häufiger auftaucht. Diese Verzerrung fällt ohne eine solche Rechnung selten auf.

Die Neuordnung nach Zweck

Nach der Bestandsaufnahme werden Termine nicht nach ihrem bisherigen Namen sortiert, sondern nach ihrem tatsächlichen Zweck: reine Information, gemeinsame Entscheidung, oder Abstimmung zwischen wenigen Personen.

Diese Sortierung deckt häufig Doppelungen auf: zwei unterschiedlich benannte Termine, die im Kern denselben Zweck erfüllen, oder ein einzelner Termin, der drei verschiedene Zwecke unsauber vermischt und deshalb bei keinem davon wirklich gut funktioniert.

Wie sich Rollen und Zuständigkeiten in wachsenden Teams grundsätzlich klären lassen, beschreibt der Beitrag über den Übergang vom Gründerteam zur Führungsebene. Eine klare Meetingstruktur ist ein Teil dieser größeren Aufgabe.

Format eins: der kurze tägliche Abgleich

Dieses Format dient ausschließlich der Koordination zwischen unmittelbar zusammenarbeitenden Personen: Was wurde gestern erledigt, was steht heute an, wo gibt es ein Hindernis. Zehn Minuten reichen dafür aus, auch bei sechs oder mehr Teilnehmenden.

Diskussionen, die über diese drei Punkte hinausgehen, werden bewusst ausgelagert in ein separates Gespräch mit den direkt Betroffenen, statt die ganze Gruppe während des kurzen Abgleichs zu binden.

Dieses Format eignet sich am besten für Teams, die eng an gemeinsamen, sich täglich verändernden Aufgaben arbeiten. Für Teams mit eher unabhängigen Aufgabenbereichen bringt es weniger und kann seltener stattfinden.

Format zwei: die wöchentliche Vertiefung

Dieses Format ist für Themen gedacht, die eine echte Diskussion und gegebenenfalls eine Entscheidung brauchen, nicht nur eine Statusmeldung. Eine feste Tagesordnung mit maximal drei Punkten verhindert, dass der Termin zu einem offenen Sammelbecken für alle möglichen Themen wird.

Wichtig ist eine klare Vorbereitung: Wer ein Thema einbringt, bereitet es vorab in wenigen Sätzen schriftlich auf, damit die gemeinsame Zeit für die eigentliche Diskussion genutzt wird, nicht für die erste Erklärung des Sachverhalts.

Ergebnisse aus diesem Termin sollten kurz dokumentiert werden, mit Verantwortlichkeit und Zeitpunkt, ähnlich wie bei anderen wiederkehrenden Entscheidungsterminen im Unternehmen.

Ein Punkt, der ohne echte Diskussion auskommt, gehört nicht in diesen Termin, sondern in eine kurze schriftliche Vorabinformation. Diese Trennung hält die gemeinsame Zeit für die Fälle reserviert, in denen mehrere Perspektiven tatsächlich gebraucht werden.

Format drei: der monatliche Rückblick

Dieses Format blickt weiter zurück und weiter nach vorn als die beiden anderen: Was hat sich im vergangenen Monat insgesamt verändert, wo steht das Team im Verhältnis zu seinen eigenen Zielen, und was braucht im kommenden Monat besondere Aufmerksamkeit.

Eine größere Gruppe ist hier eher vertretbar als bei der wöchentlichen Vertiefung, weil der Termin seltener stattfindet und ein gemeinsames Bild für mehr Personen gleichzeitig sinnvoll ist.

Dieser Termin eignet sich auch, um die eigene Meetingstruktur selbst regelmäßig zu überprüfen und neu entstandene, unnötige Termine frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich über Monate festsetzen.

Eine kurze schriftliche Zusammenfassung im Anschluss, verteilt an alle, auch an nicht anwesende Personen, verlängert die Wirkung dieses Termins über den eigentlichen Zeitpunkt hinaus und schafft eine verlässliche Grundlage für den nächsten Monat.

Was ganz gestrichen wird

Ein Kalenderblatt mit durchgestrichenen Terminen liegt auf einem Tisch
Donald Trung Quoc Don (Chữ Hán: 徵國單) – Wikimedia Commons – © CC BY-SA 4.0 International.(W / BY-SA 4.0

Termine ohne erkennbares Ergebnis über mehrere Wochen hinweg gehören zur ersten Kategorie der Streichung. Wenn niemand im Team benennen kann, was aus dem letzten Termin konkret gefolgt ist, hat der Termin seinen Zweck verloren, selbst wenn er einmal sinnvoll war.

Eine zweite Kategorie sind Termine, die durch eine kurze schriftliche Nachricht vollständig ersetzt werden können. Nicht jede Information verlangt eine gemeinsame Zeit im Kalender, insbesondere wenn keine Diskussion oder Entscheidung nötig ist.

Eine dritte Kategorie sind Termine mit deutlich zu großer Teilnehmerzahl im Verhältnis zum eigentlichen Zweck. Hier lohnt sich statt der vollständigen Streichung eine Verkleinerung auf die tatsächlich betroffenen Personen.

Wie man Widerstand gegen die Streichung begegnet

Ein Termin zu streichen fühlt sich für die Person, die ihn ursprünglich eingeführt hat, oft wie eine persönliche Kritik an. Dieser Eindruck lässt sich abmildern, indem die Bestandsaufnahme als gemeinsames Projekt des ganzen Teams geführt wird, nicht als Anordnung von oben.

Ein Kompromiss, der sich bewährt hat, ist eine Testphase: Ein Termin wird für vier Wochen ausgesetzt statt sofort endgültig gestrichen. Wird er in dieser Zeit vermisst, lässt er sich problemlos wieder aufnehmen, in vielen Fällen bleibt die Rückkehr jedoch aus.

Wie sich Teams grundsätzlich so aufstellen lassen, dass Veränderungen an eingespielten Gewohnheiten nicht als Angriff wahrgenommen werden, beschreibt der Beitrag über den Aufbau eines starken Teams.

Hilfreich ist außerdem, die Entscheidung nicht an einer einzelnen Person festzumachen. Wird die Streichung als gemeinsames Ergebnis der Bestandsaufnahme dargestellt, statt als Anweisung einer Führungsperson, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand persönlich zurückgesetzt fühlt.

Die Kultur nach der Umstellung erhalten

Ohne regelmäßige Wiederholung wächst die Zahl der Termine erfahrungsgemäß innerhalb eines Jahres wieder auf ein ähnliches Niveau wie vor der Bestandsaufnahme. Neue Themen erzeugen neue Termine, die einzeln betrachtet wieder sinnvoll wirken.

Eine feste Regel hilft dagegen: Kein neuer wiederkehrender Termin ohne eine Gegenprobe, ob ein bestehender Termin dafür entfallen oder angepasst werden kann. Diese Regel verlangsamt das unbemerkte Wachstum spürbar.

Wie sich solche Regeln dauerhaft im Alltag verankern lassen, hängt eng mit der allgemeinen Dokumentation von Abläufen zusammen, wie sie der Beitrag über das Dokumentieren von Abläufen beschreibt. Grundlagen zu bewusstem Umgang mit Arbeitszeit insgesamt liefert der Überblick zum Zeitmanagement.

Häufige Fragen

Wie oft sollte die Bestandsaufnahme wiederholt werden?

Alle sechs bis zwölf Monate ist ein guter Rhythmus, abhängig davon, wie schnell das Team wächst. Schnelleres Wachstum bedeutet in der Regel auch schnelleres Wachstum der Terminzahl.

Was, wenn ein Kunde einen bestimmten Termin erwartet?

Vertraglich zugesicherte Termine bleiben unangetastet. Die Bestandsaufnahme betrifft in erster Linie interne Termine, deren Existenz nicht extern vorgegeben ist und die sich ohne Vertragsbruch anpassen lassen.

Sollten Einzelgespräche zwischen Führungskraft und Teammitglied ebenfalls erfasst werden?

Ja, auch sie gehören in die Bestandsaufnahme, auch wenn sie meist bestehen bleiben, weil sie einem klaren, wiederkehrenden Zweck dienen.

Wie reagiert man, wenn die Bestandsaufnahme selbst als zusätzlicher Aufwand empfunden wird?

Der Aufwand ist real, aber zeitlich begrenzt auf zwei Wochen. Der spätere Zeitgewinn durch gestrichene oder verkürzte Termine übersteigt diesen einmaligen Aufwand in der Regel deutlich.

Was passiert mit Terminen, die remote arbeitende Personen betreffen?

Dieselbe Logik gilt unabhängig vom Arbeitsort. Bei verteilten Teams lohnt sich zusätzlich ein Blick auf Zeitzonen, weil ein Termin dort unterschiedliche Kosten in Form von Randzeiten verursachen kann, etwa wenn eine Person dafür deutlich früher oder später arbeiten muss als gewohnt.

Wie geht man mit Terminen um, die von außerhalb des Teams eingeführt wurden?

Sie werden genauso erfasst und bewertet wie interne Termine. Eine externe Herkunft schützt einen Termin nicht automatisch vor der Frage, ob er noch seinen Zweck erfüllt.

Sollte die Bestandsaufnahme im gesamten Unternehmen gleichzeitig laufen?

Bei größeren Unternehmen kann eine bereichsweise Durchführung praktikabler sein. Wichtig ist, dass innerhalb eines Teams alle Termine gleichzeitig erfasst werden, damit Doppelungen zwischen ihnen sichtbar bleiben und nicht durch einen versetzten Zeitraum verzerrt werden.

Eine Meetingkultur verändert sich selten durch eine einzelne Entscheidung, sondern durch viele kleine, unbemerkte Ergänzungen. Eine ehrliche Bestandsaufnahme über zwei Wochen macht diese Ergänzungen sichtbar und liefert die Grundlage, sie gezielt zu ordnen statt sie weiter wachsen zu lassen. Der Aufwand dafür ist überschaubar, der Gewinn an konzentrierter Arbeitszeit für das gesamte Team dagegen dauerhaft.

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Tobias Rehberg schreibt über den Übergang vom Gründerteam zur Organisation. Ihn interessieren Prozesse, Rollen und Kennzahlen, also genau die Themen, die in Gründungsromantik nicht vorkommen. Er bevorzugt kleine Systeme, die auch bei fünfzig Personen noch tragen.