Wie Mentoren Gründer unterstützen können
Kaum ein Ratschlag wird angehenden Gründerinnen und Gründern so häufig gegeben wie der, sich einen Mentor oder eine Mentorin zu suchen. Und doch bleibt für viele unklar, was ein Mentoring-Verhältnis eigentlich konkret bedeutet und wie es sich von einem beliebigen Networking-Kontakt unterscheidet. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrere Mentoring-Beziehungen aus der Nähe beobachtet, manche sehr erfolgreich, andere eher enttäuschend, und dabei ein paar wiederkehrende Muster erkannt, die den Unterschied ausmachen.
Was ein Mentor tatsächlich leisten kann
Ein guter Mentor ersetzt weder einen Investor noch einen Berater. Der eigentliche Wert liegt woanders: in der Erfahrung, ähnliche Situationen bereits selbst durchlebt zu haben, verbunden mit der Distanz, die jemand hat, der nicht im operativen Tagesgeschäft des Unternehmens steckt. Diese Kombination erlaubt es Mentoren, Fragen zu stellen, die ein Gründer sich selbst im hektischen Alltag oft nicht stellt, und Muster zu erkennen, die von innen schwer sichtbar sind.
Die richtige Erwartungshaltung finden
Ein häufiger Fehler auf beiden Seiten ist eine unklare Erwartungshaltung. Manche Gründer erhoffen sich von einem Mentor fertige Lösungen für jedes Problem, während erfahrene Mentoren oft genau das bewusst vermeiden, weil sie wissen, dass Gründer ihre eigenen Entscheidungen treffen und dafür auch Verantwortung übernehmen müssen. Ein funktionierendes Mentoring-Verhältnis klärt deshalb früh, welche Rolle der Mentor tatsächlich einnehmen soll: Sparringspartner, kritischer Fragensteller, Türöffner für Kontakte oder eine Mischung aus allem.
Wie man einen passenden Mentor findet
Die Suche nach einem passenden Mentor gelingt selten über eine einzelne, gezielte Anfrage an eine bekannte Persönlichkeit.
Häufiger entstehen tragfähige Mentoring-Beziehungen aus wiederholtem, natürlichem Kontakt, etwa über Branchenveranstaltungen, gemeinsame Projekte oder Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk. Wer aktiv sucht, sollte sich weniger von Prominenz oder Status leiten lassen als von der Frage, ob die potenzielle Mentorin oder der potenzielle Mentor tatsächlich relevante Erfahrung mit der eigenen Situation hat, etwa in der gleichen Branche, Unternehmensgröße oder Wachstumsphase.
Die Chemie muss stimmen
Fachliche Kompetenz allein reicht nicht aus. Ein Mentoring-Verhältnis funktioniert nur, wenn auch die persönliche Ebene passt und ehrliches Feedback möglich ist, ohne dass es als Angriff empfunden wird.
Ich habe erlebt, wie ein fachlich hervorragender Mentor für einen bestimmten Gründer trotzdem nicht funktionierte, weil der Kommunikationsstil nicht zueinander passte, während dieselbe Person für ein anderes Team eine entscheidende Stütze wurde. Diese Passung lässt sich schwer vorhersagen und zeigt sich meist erst in der Praxis.
Was Mentoren von Gründern zurückbekommen
Mentoring wird oft als reine Einbahnstraße dargestellt, dabei profitieren erfahrene Mentoren durchaus auch selbst. Der direkte Kontakt zu jungen, unverbrauchten Perspektiven hält viele erfahrene Unternehmer geistig beweglich und konfrontiert sie mit Fragen und Ansätzen, die im eigenen, oft eingefahrenen Umfeld selten aufkommen. Wer als Gründer eine Mentoring-Beziehung sucht, sollte deshalb nicht nur fragen, was man selbst bekommen kann, sondern auch, was man der anderen Seite ehrlich anzubieten hat.
Grenzen des Mentorings
So wertvoll gutes Mentoring sein kann, es hat auch Grenzen. Ein Mentor trägt kein unternehmerisches Risiko und kein Kapital bei, seine Ratschläge basieren immer auf einer anderen, nicht identischen Erfahrung.
Ein Rat, der in der Situation eines Mentors vor Jahren funktioniert hat, muss unter veränderten Marktbedingungen nicht mehr richtig sein. Gründer, die jeden Ratschlag ungeprüft übernehmen, statt ihn an die eigene Situation anzupassen, laufen Gefahr, fremde Fehler zu wiederholen, statt aus ihnen zu lernen.
Formelle Programme versus informelle Beziehungen
Neben spontan entstandenen Mentoring-Beziehungen gibt es zunehmend formelle Programme, die Gründer gezielt mit erfahrenen Mentoren zusammenbringen, häufig im Rahmen von Acceleratoren oder Gründernetzwerken. Diese strukturierten Programme haben den Vorteil, dass sie den Einstieg erleichtern und eine gewisse Verbindlichkeit schaffen, etwa durch feste Gesprächstermine.
Der Nachteil liegt darin, dass die Passung zwischen Mentor und Gründer nicht immer optimal ist, weil sie eher organisatorisch als organisch entsteht. Beide Wege haben ihre Berechtigung, und viele Gründer profitieren am meisten von einer Mischung aus beidem.
Was ein gutes erstes Gespräch ausmacht
- Konkrete, aktuelle Fragen mitbringen, statt allgemein um „Rat“ zu bitten.
- Offen über den eigenen Wissensstand sprechen, statt Kompetenz vorzutäuschen, die noch nicht vorhanden ist.
- Klar kommunizieren, wie viel Zeit und in welcher Form man sich einen regelmäßigen Austausch vorstellt.
- Nach dem Gespräch tatsächlich sichtbar etwas mit dem erhaltenen Feedback anfangen – nichts entmutigt einen Mentor mehr, als wenn Ratschläge im Sand verlaufen.
Mehrere Mentoren für unterschiedliche Themen
Statt sich auf eine einzige Mentoring-Beziehung zu verlassen, greifen viele erfahrene Gründerinnen und Gründer auf mehrere Mentoren mit unterschiedlichen Schwerpunkten zurück, etwa eine Person mit tiefer Vertriebserfahrung, eine andere mit Hintergrund in der Produktentwicklung und eine dritte mit Erfahrung in der Mitarbeiterführung. Dieses Netzwerk aus mehreren, jeweils spezialisierten Mentoren liefert oft passgenauere Ratschläge als der Versuch, eine einzige Person zur universellen Ansprechperson für alle Fragen zu machen, die zwangsläufig in manchen Bereichen weniger tiefe Erfahrung mitbringt.
Wie sich eine Mentoring-Beziehung natürlich weiterentwickelt
Gute Mentoring-Beziehungen bleiben selten über Jahre in derselben Form bestehen. Mit wachsender Erfahrung des Gründers verändert sich häufig auch die Art des Austauschs: von grundlegenden, fast schon lehrbuchartigen Fragen in der Anfangsphase hin zu einem zunehmend gleichberechtigten Austausch unter erfahrenen Personen, die sich gegenseitig mit unterschiedlichen Perspektiven bereichern. Manche dieser Beziehungen wandeln sich mit der Zeit sogar in echte, für beide Seiten wertvolle Geschäftspartnerschaften oder Freundschaften, die weit über die ursprüngliche Mentoring-Funktion hinausreichen.
Wie man selbst zu einem guten Mentor wird
Mit wachsender eigener Erfahrung stehen viele frühere Mentees irgendwann selbst vor der Gelegenheit, andere, jüngere Gründerinnen und Gründer zu unterstützen.
Diese Rolle bringt eigene Herausforderungen mit sich, insbesondere die Versuchung, die eigene, spezifische Erfahrung als allgemeingültigen Ratschlag zu behandeln, statt die individuelle Situation des jeweiligen Gegenübers ausreichend zu berücksichtigen. Gute Mentoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehr fragen als sie behaupten, und ihre eigene Erfahrung eher als einen möglichen Denkanstoß anbieten, statt sie als einzig richtigen Weg zu präsentieren, was gerade erfahrenen, erfolgreichen Personen manchmal schwerfällt.
Abschließend sei betont, dass die wertvollsten Mentoring-Beziehungen selten durch formelle Programme allein entstehen, sondern durch echtes, beiderseitiges Interesse aneinander, das über die Zeit gepflegt wird. Wer Mentoring als lebendige, sich entwickelnde Beziehung versteht, statt als einmalige Transaktion von Rat gegen Dankbarkeit, schafft die Grundlage für eine Unterstützung, die weit über die ursprüngliche Gründungsphase hinaus wertvoll bleiben kann.
Wer noch keinen Mentor gefunden hat, sollte die Suche nicht als einmalige, dringliche Aufgabe betrachten, sondern als kontinuierlichen Prozess, bei dem sich passende Beziehungen oft erst durch wiederholten, unaufdringlichen Kontakt über einen längeren Zeitraum entwickeln, statt bei einer einzigen Anfrage sofort zu entstehen.
Wer aktiv nach Mentoring sucht, sollte auch Formate jenseits klassischer Einzelgespräche in Betracht ziehen, etwa Gruppenmentoring, bei dem mehrere Gründerinnen und Gründer gemeinsam von der Erfahrung einer erfahrenen Person profitieren und zugleich voneinander lernen können.
Wer sich auf diesen Prozess einlässt, gewinnt langfristig mehr als nur einzelne gute Ratschläge – nämlich echte Wegbegleiter für die eigene unternehmerische Entwicklung.
Wer offen auf andere zugeht und dabei ehrlich sowohl über eigene Stärken als auch Schwächen spricht, findet leichter zu tragfähigen, langfristigen Mentoring-Beziehungen.
Fazit
Mentoren können Gründerinnen und Gründern helfen, blinde Flecken zu erkennen, Entscheidungen zu reflektieren und schneller aus Erfahrungen anderer zu lernen, ohne jeden Fehler selbst machen zu müssen.
Damit das gelingt, braucht es eine klare Erwartungshaltung auf beiden Seiten, eine passende persönliche Chemie und die Bereitschaft, Ratschläge kritisch an die eigene Situation anzupassen, statt sie unreflektiert zu übernehmen. Gutes Mentoring ist selten spektakulär, aber über Jahre betrachtet oft einer der unterschätztesten Erfolgsfaktoren im Gründeralltag.




