Der Stehempfang ist für viele das schlechteste Format

Achtzig Menschen, Stehtische, ein Glas in der einen Hand, ein Teller in der anderen, und im Hintergrund eine Musikanlage, die jedes zweite Wort verschluckt. Nach zwei Stunden verlässt ein Teil der Anwesenden den Raum mit vier neuen Kontakten. Ein anderer Teil verlässt ihn mit einer Visitenkarte, die er im Aufzug bekommen hat, und dem Gefühl, den Abend verloren zu haben.

Der Unterschied liegt selten am Charakter und fast nie am guten Willen. Er liegt daran, dass dieses Format eine bestimmte Fähigkeit voraussetzt, nämlich in wechselnden Gruppen, unter Lärm und ohne Anlass Gespräche zu eröffnen und wieder zu beenden. Wer diese Fähigkeit nicht hat, arbeitet den ganzen Abend gegen die Bauart der Veranstaltung.

Der Stehempfang ist deshalb nicht schlecht. Er ist nur ein Werkzeug für einen bestimmten Zweck, und für die meisten Ziele gibt es Formate, die dasselbe erreichen, ohne diese Voraussetzung zu verlangen. Fünf davon stehen weiter unten, dazu eine Vorbereitung, die eine Stunde kostet, und ein Satz, mit dem sich ein Gespräch beenden lässt, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.

Der Abend in sechs Punkten

  • Zweck klären: Wer nicht weiß, wozu er hingeht, wird an der Zahl der Gespräche gemessen und verliert dieses Spiel.
  • Format prüfen: Sitzordnung, Programm und Raumgröße sagen mehr über den Abend aus als das Thema.
  • Alternative wählen: Fünf Formate erfüllen denselben Zweck mit weniger Reibung.
  • Vorbereiten: Sechzig Minuten vorher entscheiden über den größten Teil des Ergebnisses.
  • Ausstieg festlegen: Ein vorher formulierter Satz beendet Gespräche freundlich und ohne Ausrede.
  • Grenze setzen: Drei gute Gespräche schlagen zwanzig Kontakte, die niemand nachbereitet.

Warum der Stehempfang so verbreitet ist

Für den Veranstalter ist dieses Format das günstigste, das es gibt. Keine Bestuhlung, keine Technik, kein Programm, keine Referenten, dafür eine hohe Zahl an Anwesenden auf kleiner Fläche. Es lässt sich in jedem Raum umsetzen und in jeder Größenordnung, und die Fotos danach sehen immer nach vollem Haus aus.

Dazu kommt eine bequeme Annahme: Wenn genügend Menschen im selben Raum stehen, entstehen Kontakte von allein. Diese Annahme stimmt für einen Teil der Anwesenden, in der Regel für die, die sich bereits kennen und dort ihren bestehenden Kreis pflegen.

Für alle anderen bedeutet das Format Arbeit ohne Struktur. Es gibt keinen Anlass, jemanden anzusprechen, keine gemeinsame Aufgabe, kein Thema, das gesetzt wäre, und keinen natürlichen Moment, in dem ein Gespräch endet. Wer neu ist, steht deshalb überdurchschnittlich lange allein und wertet das als eigenes Versagen.

Was an dem Format tatsächlich schiefgeht

Drei Dinge, und alle drei sind baulich. Erstens die Lautstärke. Ab einem bestimmten Pegel wird jedes Gespräch zur Anstrengung, und die Anstrengung geht auf Kosten des Inhalts. Man versteht Namen nicht, fragt nicht nach, und nach zwanzig Minuten fehlt die Konzentration für das, was jemand tatsächlich sagt.

Zweitens die fehlende Struktur des Endes. In einer Runde am Stehtisch gibt es kein Signal, wann ein Gespräch vorbei ist. Also bleiben Menschen zu lange bei einem Gegenüber, mit dem sie nichts verbindet, oder sie brechen abrupt ab und hinterlassen ein schlechtes Gefühl.

Drittens die Belohnung der falschen Fähigkeit. Wer schnell spricht, laut spricht und viele Wechsel verträgt, sammelt die meisten Kontakte. Ob dabei jemand sein Thema verstanden hat, misst niemand. Am Ende steht ein Stapel Karten, den drei Tage später niemand mehr zuordnen kann.

Netzwerken für Introvertierte: die andere Rechnung

Wer nach solchen Abenden erschöpft ist, hat kein Defizit, sondern eine andere Kostenstruktur. Gespräche mit Fremden verbrauchen Aufmerksamkeit, und wer davon weniger übrig behält, kann sie nicht auf zwanzig Kontakte verteilen. Er muss sie auf wenige richten.

Daraus folgt eine schlichte Regel: Die Zahl der Gespräche ist die falsche Zielgröße. Brauchbar ist die Zahl der Gespräche, aus denen eine zweite Begegnung entsteht. Drei davon an einem Abend sind ein sehr gutes Ergebnis, und sie entstehen fast immer im ruhigsten Teil des Raums.

Netzwerken für Introvertierte funktioniert deshalb über Auswahl statt über Menge. Man geht seltener hin, bleibt kürzer, spricht mit weniger Menschen und bereitet konsequent nach. Diese Rechnung geht über ein Jahr gerechnet regelmäßig besser auf als die Anwesenheit auf jedem Termin im Kalender.

Alternative eins: die Veranstaltung mit Programm und Pause

Ein Vortrag, eine Diskussion oder eine Vorstellungsrunde erzeugt etwas, das der Stehempfang nicht hat: ein gemeinsames Thema. In der Pause danach muss niemand einen Einstieg erfinden, weil alle dasselbe gehört haben.

Der praktische Vorteil ist der Anlass. Ein Satz zum Gehörten ist kein Small Talk, sondern eine inhaltliche Bemerkung, und darauf lässt sich antworten. Wer sich vorher überlegt, welche Frage er nach dem Programmpunkt stellen würde, hat seinen Einstieg fertig.

Als Auswahlkriterium eignet sich die Länge der Pause. Zehn Minuten reichen für den Weg zum Getränk. Erst ab einer halben Stunde entstehen Gespräche, die über die Höflichkeitsphase hinauskommen. Bei mehrtägigen Formaten gilt dasselbe in größerem Maßstab, wie der Text über den sinnvollen Umgang mit Startup-Konferenzen zeigt.

Alternative zwei: das Arbeitsformat mit gemeinsamer Aufgabe

Formate, bei denen alle an etwas arbeiten, verlagern die Last vom Gespräch auf die Sache. Eine gemeinsame Aufgabe, ein Fall, eine Vorlage, ein Stück Code, ein Businessplan, an dem zu zweit gearbeitet wird: In allen Fällen entsteht Kontakt als Nebenprodukt.

Das ist der entscheidende Punkt. Wer nebeneinander arbeitet, muss sich nicht ansehen und nicht dauernd sprechen. Pausen sind normal, nicht peinlich. Und was man in zwei Stunden gemeinsamer Arbeit über jemanden erfährt, übersteigt jeden Stehtisch deutlich.

Diese Formate haben zudem eine eingebaute Nachbereitung. Es gibt ein Ergebnis, über das sich später schreiben lässt, und einen selbstverständlichen Anlass für den nächsten Kontakt. Genau daran fehlt es bei reinen Kontaktveranstaltungen.

In dieselbe Gruppe gehören offene Sitzungen, bei denen die Anwesenden das Programm zu Beginn selbst festlegen und sich anschließend in kleine Arbeitsgruppen aufteilen, wie es beim Barcamp üblich ist. Wer keine Sitzung anbietet, sucht sich eine aus, und in einer Gruppe von sechs Personen fällt niemand heraus.

Alternative drei: die kleine Runde mit fester Sitzordnung

Runder Tisch mit acht Stühlen und Notizblöcken in einem hellen, schlicht eingerichteten Besprechungsraum

Sobald Menschen sitzen und die Zusammensetzung feststeht, ändert sich alles. In einer Runde von acht bis zwölf Personen kommt jeder zu Wort, niemand steht am Rand, und die Reihenfolge übernimmt die Moderation.

Das Format eignet sich besonders für Fachthemen mit klarer Eingrenzung. Eine Vorstellungsrunde mit einer festen Frage, dann ein Fall aus dem Kreis, dann Rückmeldungen: Das trägt zwei Stunden und funktioniert auch, wenn niemand gern spricht, weil die Struktur die Arbeit macht.

Wer solche Runden nicht findet, kann sie mit geringem Aufwand selbst ansetzen. Was das an Vorbereitung kostet und woran die meisten Reihen scheitern, steht im Text über regelmäßige Treffen für Gründer.

Alternative vier: eine Rolle auf der Veranstaltung übernehmen

Wer am Einlass steht, Namensschilder ausgibt, moderiert, fotografiert oder das Protokoll führt, hat den Zugang zu jedem Gespräch, ohne ihn erfinden zu müssen. Die Rolle liefert den Anlass, und sie liefert auch die Erlaubnis, weiterzugehen.

Für viele ist das der einfachste Weg in einen Kreis. Man wird gesehen, mehrfach angesprochen und über die Aufgabe wahrgenommen, nicht über die Fähigkeit zum Plaudern. Nach zwei Veranstaltungen kennt man mehr Menschen als jemand, der dreimal als Gast dort war.

Die Kehrseite ist der Aufwand. Eine Rolle bindet Zeit, und wer moderiert, führt am Abend selbst kaum eigene Gespräche. Sinnvoll ist deshalb der Wechsel: einmal mitarbeiten, beim nächsten Mal als Gast kommen und die Kontakte nutzen, die dadurch entstanden sind.

Alternative fünf: das Gespräch zu zweit statt des Abends

Der direkteste Weg wird am seltensten gewählt. Wer weiß, mit wem er sprechen möchte, kann diese Person fragen, ob sie eine Stunde Zeit hat, und muss dafür an keinem Empfang teilnehmen.

Die Trefferquote ist überraschend hoch, wenn die Anfrage konkret ist: ein benanntes Thema, eine begrenzte Zeit, ein Ort, der zur anderen Seite passt. Was nicht funktioniert, ist die unbestimmte Bitte um ein Kennenlernen ohne Anlass.

Rechnerisch ist das die effizienteste Variante. Eine Stunde mit einer richtigen Person schlägt vier Stunden Anwesenheit unter achtzig zufälligen. Der Preis ist, dass sie keine Zufallstreffer erzeugt, und genau dafür bleiben Veranstaltungen sinnvoll.

Die fünf Formate im Vergleich

Die Übersicht ordnet die Formate nach dem, was sie verlangen und was sie liefern. Keines davon ist überlegen, sie passen zu unterschiedlichen Zielen.

Format Einstieg ins Gespräch Aufwand für den Gast Was dabei herauskommt
Programm mit Pause über den Inhalt, ohne Erfindung gering mehrere kurze Gespräche mit Thema
Arbeitsformat über die gemeinsame Aufgabe mittel, dafür planbar wenige, aber belastbare Kontakte
Kleine Runde über die Moderation gering Kontakt zu allen Anwesenden
Eigene Rolle über die Aufgabe hoch, vor und während Sichtbarkeit im ganzen Kreis
Gespräch zu zweit über die Anfrage selbst gering, aber vorbereitet ein Kontakt in voller Tiefe

Wer sich zwischen zwei Terminen entscheiden muss, prüft in dieser Reihenfolge: Gibt es eine Sitzordnung, gibt es ein Programm, wie lang sind die Pausen, wie groß ist der Raum. Die Antwort darauf sagt mehr über den Abend als die Gästeliste.

Die Vorbereitung: sechzig Minuten vorher

Namensschild an einem Umhängeband liegt neben einem Notizbuch auf einem Tisch
BrokenSphere / BY-SA 3.0

Der größte Teil des Ergebnisses entsteht, bevor jemand den Raum betritt. Diese Reihenfolge hat sich bewährt und kostet insgesamt eine Stunde:

  1. Ziel in einem Satz. Nicht Kontakte knüpfen, sondern etwas Konkretes: eine Frage klären, zwei Personen aus einem bestimmten Bereich treffen, ein Thema testen.
  2. Teilnehmerliste ansehen. Falls vorhanden, drei Namen markieren. Falls nicht, den Veranstalter fragen, wer typischerweise kommt.
  3. Zwei Fragen vorbereiten. Offene Fragen zum Arbeitsalltag des Gegenübers, nicht zum eigenen Angebot.
  4. Die eigene Antwort üben. Zwei Sätze darauf, woran man arbeitet, ohne Fachbegriffe und ohne Jahreszahlen.
  5. Früh ankommen. In den ersten zwanzig Minuten sind die Gruppen noch offen, später sind sie geschlossen.
  6. Endzeit festlegen. Ein Zeitpunkt, zu dem gegangen wird, unabhängig davon, wie der Abend läuft.

Der letzte Punkt ist der wichtigste. Wer sich vornimmt, nach neunzig Minuten zu gehen, arbeitet in diesen neunzig Minuten konzentrierter, als wer offen bleibt und die letzten zwei Stunden absitzt.

Der Einstieg, der ohne Eröffnungssatz auskommt

Die meisten Ratschläge zum Gesprächseinstieg drehen sich um den ersten Satz. Der erste Satz ist fast egal. Entscheidend ist die Situation, in der er fällt.

Drei Situationen funktionieren zuverlässig: die Schlange am Getränkestand, weil dort ohnehin gewartet wird; der Rand einer Dreiergruppe, weil Dreiergruppen offener sind als Zweiergespräche; und der Platz neben jemandem, der ebenfalls allein steht, weil dort niemand unterbrochen wird.

Inhaltlich reicht eine Frage zur Veranstaltung. Wie jemand hergekommen ist, was er von dem Programmpunkt hielt, ob er öfter da ist. Wer den Namen des Gegenübers direkt nach der Vorstellung einmal wiederholt, behält ihn außerdem deutlich zuverlässiger, und das erspart die peinlichste Situation des Abends. Wie der erste Eindruck insgesamt entsteht, behandelt der Text über das Gespräch beim Networking.

Der Ausstiegssatz, den man vorher festlegt

Gespräche enden zu lassen, ist schwieriger, als sie zu beginnen, und der Mangel an einem Ausstieg ist der Hauptgrund, warum Menschen gar nicht erst anfangen. Wer weiß, wie er wieder herauskommt, geht ruhiger hinein.

Ein brauchbarer Satz hat drei Teile: eine Anerkennung, einen Grund und einen Anschluss. Etwa: Das war ein hilfreicher Hinweis, ich möchte vor dem Ende noch mit jemandem sprechen, ich schreibe Ihnen morgen dazu. Der Grund darf banal sein, er muss nur wahr sein.

Was nicht funktioniert, sind erfundene Ausreden und das stille Wegdriften. Beides wird bemerkt und beschädigt genau den Kontakt, den man aufbauen wollte. Wer einen Anschluss anbietet, sollte ihn außerdem einhalten, sonst ist der Satz nach dem zweiten Mal wertlos.

Was danach passiert, entscheidet über den Nutzen

Ein Abend ohne Nachbereitung ist ein Abend ohne Ergebnis, unabhängig vom Format. Die Notiz auf der Rückseite der Karte, noch am selben Abend geschrieben, ist der Unterschied zwischen einem Kontakt und einem Namen.

Zwei Zeilen reichen: worüber gesprochen wurde und was vereinbart war. Wer das unterlässt, steht drei Tage später vor einem Stapel und kann nicht mehr zuordnen, wer was gesagt hat. Genau an dieser Stelle verliert die Mehrheit der Anwesenden den ganzen Ertrag des Abends.

Für die Auswahl der Veranstaltungen gilt daraus abgeleitet eine harte Regel: Nur so viele Termine annehmen, wie sich nachbereiten lassen. Wer regelmäßig in einem Kreis unterwegs ist, findet den langfristigen Wert eher in Strukturen wie Alumni-Netzwerken von Gründerprogrammen als in einzelnen Abenden.

Häufige Fragen

Muss ich zu Stehempfängen gehen, wenn sie mir nicht liegen?

Selten. Sinnvoll ist es, wenn eine bestimmte Person dort erreichbar ist oder der Kreis sich nirgendwo anders trifft. In beiden Fällen hilft ein kurzer, gezielter Besuch mehr als vollständige Anwesenheit.

Wie viele Gespräche sind an einem Abend realistisch?

Drei bis fünf, wenn sie über die Höflichkeitsphase hinausgehen sollen. Wer auf zwanzig kommt, hat vermutlich zwanzig Mal denselben Satz gesagt und wird sich an keinen davon erinnern.

Wie stelle ich mich vor, ohne wie eine Anzeige zu klingen?

Mit dem Problem, an dem gearbeitet wird, nicht mit der Bezeichnung des Angebots. Ein Satz zur Aufgabe und ein Satz dazu, für wen sie gelöst wird, reichen. Alles Weitere kommt auf Nachfrage.

Lohnt es sich, allein hinzugehen?

Meistens ja. Wer zu zweit kommt, bleibt zu zweit, und das ist der zuverlässigste Weg, den Abend ohne neuen Kontakt zu beenden. Wenn Begleitung, dann mit der Absprache, sich am Eingang zu trennen.

Was mache ich, wenn ich niemanden kenne und niemand mich anspricht?

Zum Veranstalter gehen und um eine Vorstellung bitten. Das ist Teil seiner Aufgabe, kostet ihn eine Minute und ist der schnellste Weg aus dem Alleinstehen heraus.

Woran erkenne ich vorher, dass ein Format nichts bringt?

An drei Angaben: kein Programm, keine Sitzgelegenheit, keine Angabe zur Teilnehmerzahl. Kommt noch offene Anmeldung ohne Thema hinzu, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Abend aus Stehtischen besteht.

Wer sich nach solchen Abenden regelmäßig erschöpft fühlt, hat nicht das falsche Wesen für dieses Geschäft, sondern das falsche Format gewählt. Die Kontakte, die tragen, entstehen ohnehin nicht in zwei Stunden Lärm, sondern in der zweiten und dritten Begegnung, und die lässt sich planen.

simon-bergk


Simon Bergk beobachtet das Gründerökosystem im deutschsprachigen Raum und die Formate, in denen es sich trifft. Er misst Veranstaltungen daran, was danach übrig bleibt, nicht an der Teilnehmerzahl. Über regionale Strukturen schreibt er genauso ernsthaft wie über große Konferenzen.